Das Erdbeben 1976


"Grosses Beben"  von Emil Krištof (aus dem Buch "Die letzten Täler") 

Am 6. Mai 1976 wird die norditalienische Region Friaul-Julisch Venetien von einem Erdbeben erschüttert. Am stärksten betroffen ist die größte Provinz Udine, die sich vom Hochgebirge im Norden über das Vorgebirge und den Moränengürtel des Tagliamento-Gletschers am Eingang zum Kanaltal bis zur adriatischen Küstenebene mit den Lagunen von Grado erstreckt. Devastierende Naturereignisse sind prägend für die »Montagna Friulana«, den gebirgigen Norden Friauls: Heftige Niederschläge, reißende Wildbäche, Muren und Hangrutschungen sind verbreitete Erosionserscheinungen dieser geologisch jungen und tektonisch bewegten Gegend. Das Beben von 1976 zeigt aber auch, dass Friaul in einer seismisch aktiven Zone am Alpensüdrand liegt. Im Jahr 2007 werden allein in Norditalien 170 seismische Ereignisse aufgezeichnet, in Österreich registriert die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik im gleichen Zeitraum nur 33 Erdstöße, zwölf davon in Kärnten. 

Venzone

Das Hypozentrum des Hauptbebens am 6. Mai, das um 20.59 Uhr 56 Sekunden lang Friaul erschüttert, wird in einer Tiefe von 15 km unter dem Berg San Simeone westlich von Venzone lokalisiert. Die Erdstöße erreichen eine Intensität von VIII bis IX auf der zwölfstufigen Mercalli-Skala und werden als »zerstörend« bis »verwüstend« klassifiziert. Das Beben fordert 965 Menschenleben und mehr als 3.000 Verletzte. Die Unterkünfte von 32.000 Bewohnern werden völlig zerstört, jene von 157.000 weiteren mehr oder weniger beschädigt, insgesamt werden 100.000 Menschen obdachlos. Das Beben wird in weiten Teilen Österreichs, Deutschlands und der Schweiz verspürt, im angrenzenden Kärntner Gailtal und im Nordwesten Sloweniens richtet es sichtbare Schäden an.

Die drei Kategorien: rot=zerstört; orange=schwer beschädigt; grün=beschädigt

Die amtliche Schadenserhebung unterscheidet zwischen zerstörten, schwer beschädigten und beschädigten Gemeinden. Zur ersten Kategorie mit einem Zerstörungsgrad von über 80 Prozent zählen die epizentrumnahen Gemeinden Amaro, Bordano, Cavazzo Carnico, Gemona, Osoppo, Resiutta, Trasaghis und Venzone. Bis zu 80 Prozent der Bausubstanz brechen in den Gemeinden Artegna, Buia, Chiusaforte, Dogna, Forgaria nel Friuli, Lusevera und Resia zusammen, die Hälfte der Objekte wird u. a. im Gemeindegebiet von Moggio Udinese sowie in Siedlungen südwestlich des Epizentrums zerstört. Im weiten Umkreis, der von Pontebba im Norden über San Daniele del Friuli im Süden, Faedis im Osten bis Tramonti di Sopra im Westen reicht, werden immer noch bis zu 40 Prozent der Gebäude stark beschädigt bzw. zerstört. Die Provinzhauptstadt Udine hingegen bleibt nahezu verschont.

Der Dom von Venzone

Eine rasche Rückkehr der Bewohner in die stehengebliebenen Häuser ist wegen anhaltender Nachbeben ausgeschlossen. Auch die rasch anlaufenden und gut organisierten Hilfsmaßnahmen werden durch die häufigen Nachbeben erschwert. Bis zum Jahresende werden rund 400 weitere Erdstöße verzeichnet. Die stärksten ereignen sich am 9. und 11. Mai 1976, als die ersten Aufräumarbeiten in vollem Gange sind. Am 11. und 15. September 1976 folgen Nachbeben mit der Magnitude von 5,5 und 6,0 nach Richter. Der Erdbebenherd liegt diesmal unter dem Monte Verzegnis, südlich von Tolmezzo, in einer Tiefe von nur 9 km. Die starken Erschütterungen fordern weitere zwölf Menschenleben und bringen viele der stehengebliebenen Gebäude zum Einsturz. Insgesamt ist eine Fläche von 4.800 km2 mit einer fast halben Million Einwohnern betroffen, das Schadensvolumen wird auf umgerechnet etwa 6 Mrd. Euro geschätzt.

Gemona

Bereits am Tag nach dem ersten Erdbeben erfolgt die Einsetzung eines Commissario Straordinario. Der Notstandskommissar koordiniert die Bereitstellung von rund 16.000 Zelten für 75.000 Obdachlose und die Evakuierung von weiteren 12.000 Personen. Das Regionalgesetz vom 7. 6. 1976 über die Reparatur beschädigter Häuser geht davon aus, dass die obdachlose Bevölkerung so schnell wie möglich wieder »dalle tende alle case« – aus den Zelten in die Häuser – ziehen soll. Bis Anfang September sinkt die Zahl der Obdachlosen in Zeltstädten auf 45.000 Personen, von 12.000 in Auftrag gegebenen Fertigteilhäusern sind allerdings erst 300 aufgestellt. Auch von Helfern aus Kärnten werden unter der Leitung des Villacher Alpenvereins 48 winterfeste Holzhäuser vorwiegend im Gemeindegebiet von Moggio Udinese und in den umliegenden Dörfern des Aupatales errichtet.

Nach dem zweiten Beben im September steigt die Zahl der Obdachlosen erneut auf 70.000 Personen. Das Commissariato Straordinario del governo nel Friuli setzt nun andere Prioritäten im Katastrophenmanagement: Es werden keine weiteren Zelte angeschafft, weil eine Überwinterung darin nicht möglich ist, stattdessen wird als Übergangslösung die Evakuierung der Obdachlosen an die Küste vorbereitet und der Bau von Baracken, den prefabbricati, forciert.

San Daniele

Bis Mitte Oktober 1976 werden mehr als 32.000 Obdachlose in Hotels und Ferienappartements an der Adria untergebracht. Der mit internationaler Hilfe zügig vorangetriebene Barackenbau bietet zum Jahresende bereits 25.000 Personen ein provisorisches, aber festes Dach über dem Kopf. Rund 26.000 Betroffene verbringen den Winter 1976/77 in Unterkünften an der Adria zwischen Grado und Lignano, etwa 15.000 Personen sind in Wohnwagen untergebracht, 1.000 Menschen hausen immer noch in Zelten. Sofern die Witterungsverhältnisse es erlauben, wird der Bau der prefabbricati bis zu seinem Abschluss im Mai 1977 auch in den Wintermonaten fortgesetzt. Zu diesem Zeitpunkt sind rund 65.000 Einwohner in insgesamt 21.000 Fertigteilhäusern mit einer Wohnfläche von 12–13 m2 pro Person untergebracht und werden sämtliche Hotels und Ferienwohnungen an der Adria geräumt.

Nimis

In den baraccopoli – die flächengrößte wird bei Osoppo errichtet – stehen Holzhäuser aus Österreich, Deutschland und Skandinavien neben Containern aus Kanada und adaptierten Waggons aus Italien. Die Zuweisung der qualitativ sehr unterschiedlichen Barackentypen führt zu sozialen Spannungen in der Bevölkerung und begünstigt in weiterer Folge die Entstehung sogenannter Squattersiedlungen: Nach der Reparatur oder dem Neubau der Häuser bzw. nach der Auszahlung der letzten Rate der Wiederaufbauhilfe endet in der Regel der Anspruch auf das prefabbricato, für das weder Miete noch Energie-, Betriebs- oder Instandhaltungskosten zu bezahlen sind, da diese von der regionalen Katastrophenverwaltung übernommen werden. Die hohe Qualität einzelner Barackentypen, deren Wohnkomfort durch private Initiative weiter verbessert wird, ermöglicht eine langfristige Nutzung der Notunterkünfte als Zweitwohnung oder als Wohnmöglichkeit für Großeltern und Verwandte. Auf diese Weise bleiben viele Baracken auch nach Ablauf der geplanten Nutzungsfrist von sechs bis acht Jahren von Personen ohne Rechtsanspruch »besetzt« (engl. squatter): Die soziale Herkunft der »Barackenbesetzer« ist breit gefächert und reicht von besitzlosen Wohnungssuchenden und älteren Menschen, die bei der Zuteilung der finanziellen Mittel für den Wiederaufbau leer ausgegangen sind, bis zu Hausbesitzern, die ihre einstige Notunterkunft in ein Wochenendhaus verwandelt haben. In den friulanischen Gemeinden mit wachsendem Arbeitsplatzangebot, wie Osoppo und Majano im Süden oder Tolmezzo im gebirgigen Norden, fungieren die Barackensiedlungen mittelfristig gar als Ersatz für den fehlenden kommunalen Wohnbau und bieten auch ortsfremden Arbeitskräften kostengünstigen Wohnraum.

Auch mehr als 30 Jahre nach dem großen Beben sind einige der »provisorischen« Notunterkünfte immer noch in Verwendung: Die am unteren Ortsrand von Cesariis Sotto über dem Val Torre erhaltene Barackensiedlung erfüllt auch heute noch ihre Funktion als günstige Ferienwohnung bzw. Wohnsitz für ältere Dorfbewohner. Verglichen mit den zu gross ausgefallenen, anonymen Neubauten aus Stahlbeton, die anstelle der zerstörten Häuser errichtet wurden, haben die schlichten Holzbaracken eine geradezu einladende Patina.

In Majano wurden auch neue Wohnhäuser vom Erdbeben zerstört

Im Sommer 1977 wird die gesetzliche Basis zur langfristigen Förderung des Wiederaufbaus verabschiedet und mit den Vorbereitungen zur Rekonstruktion der zerstörten Städte begonnen. Die Entscheidungen über Art und Weise des Wiederaufbaus treffen die Gemeinden. Der Anspruch besteht darin, den entstandenen materiellen Verlust unter Berücksichtigung des sozialen Gefüges sowie der Besitzverhältnisse auszugleichen. Zuschüsse zur Wohraumbeschaffung werden daher nicht nur Eigentümern, sondern auch Mietern zugesprochen, Mehrfachbesitz wird, mit Abstrichen, höher gefördert. Bis zum Jahr 1984 werden insgesamt 89.000 private, genossenschaftliche sowie öffentliche Bau- und Reparaturmaßnahmen durchgeführt und so gut wie alle Wohnungen wiederhergestellt. Der Wiederaufbau erfolgt in der Regel an der ursprünglichen Stelle, Pläne für radikale Eingriffe in die bestehende Raumordnung bleiben in der Schublade. So auch jene, die nach den Septemberbeben eine Umsiedlung von 80.000 Obdachlosen in ein »Udine nuovo« nördlich der Provinzhauptstadt ins Auge fassten. Eine unter 6.500 Personen durchgeführte Befragung bestätigt die starke Verwurzelung der Bewohner mit ihrem Heimatort: Nur 48 Personen zeigen Bereitschaft für einen Umzug in einen anderen Ort in Friaul.

Die unterschiedlichen Wiederaufbaustrategien lassen sich am Beispiel der vier Gemeinden Osoppo, Gemona, Venzone und Bordano vergleichen. Sie liegen alle im Zentrum des Erdbebengebietes und wurden nahezu vollständig zerstört. Bezüglich der sozio-ökonomischen Entwicklung weisen die vier Orte hingegen große Unterschiede auf: Osoppo ist eine mittlere Gemeinde in der Hügelzone Friauls am linken Tagliamento-Ufer und zählt im Jahr 1985 etwa 2.600 Einwohner. Der Rückgang der Landwirtschaft wird Anfang der 1960er Jahre durch forcierte Industrieansiedlungen abgefedert, die wirtschaftliche Entwicklung durch die verkehrstechnisch günstige Lage positiv beeinflusst.

Die Stadt Gemona, mit etwa 11.000 Einwohnern am Hang eines Schwemmkegels gelegen, weist hingegen bereits vor dem Erdbeben stagnierende Kennzahlen auf: Das centro storico ist nur noch zu etwa 50 Prozent bewohnt, die Geschäfte sind aufgrund veralteter Bausubstanz kleinräumig und kaum ausbaufähig. Die neuen Supermärkte und andere Betriebe siedeln sich am Fuß des Hanges in Bahnhofsnähe und entlang der Verkehrsachsen an und verstärken so das wirtschaftliche Gefälle zwischen Zentrum und Peripherie.

Gemona in einer alten Postkarte vor 1976

Auch in Venzone, der vor dem Erdbeben besterhaltenen mittelalterlichen Stadt Friauls, weisen die sozioökonomischen Parameter nach unten: Die Stadt mit dem mächtigen Mauerring aus dem 13. Jahrhundert wird im Jahr 1965 zum monumento nazionale erhoben. Dennoch verliert das für Touristen attraktive Stadtzentrum zwischen 1910 und 1975 fast 50 Prozent seiner Einwohner. 40 Prozent der Wohnobjekte innerhalb der Stadtmauern stehen leer und sind dem Verfall preisgegeben. Der Ort leidet unter Emigration und Wegzug, 1985 leben 2.374 Einwohner im Gemeindegebiet von Venzone.

Auf halber Strecke zwischen Venzone und Gemona flussabwärts, am rechten Ufer des Tagliamento, liegt Bordano, Hauptort der gleichnamigen und kleinsten der vier Vergleichsgemeinden. Im Jahr 1985 sind 843 Einwohner als residente gemeldet, haben ihren ständigen Aufenthalt aber außerhalb des Gemeindegebietes, das von kleinbetrieblicher Landwirtschaft und enormer Besitzsplitterung gekennzeichnet ist. Weitere Indikatoren einer typischen Randzonengemeinde mit negativer sozioökonomischer Bilanz sind: hoher Altenanteil, zahlreiche leerstehende Häuser, ungünstige Lage an der Grenze zur Überschwemmungszone des Tagliamento, bergsturzgefährdetes Gelände.

Jede der vier Gemeinden verfolgt nach der Devastierung der Bausubstanz durch das Erdbeben ihre eigene Wiederaufbaustrategie. In Osoppo wird die Bevölkerung von der sozialistisch-kommunistisch geführten Gemeinderegierung in einer großen baraccopolis außerhalb des Ortes konzentriert. Die folgenden Aufräumarbeiten sind von solcher Gründlichkeit, dass viele Bewohner nicht einmal mehr die Reste ihrer Hausmauern finden, um die alten Grenzen zu bestimmen. Das neue Osoppo wird auf einer tabula rasa unter Berücksichtigung der traditionellen Siedlungsmuster, allerdings mit begradigtem und verbreitertem Straßennetz, nüchtern-technokratisch und ohne gestalterische Ambitionen aufgebaut. Entsprechend »traditionell« nehmen sich auch die zuvor gar nicht existenten Arkaden im Ortszentrum aus.


In Gemona werden Überlegungen angestellt, das centro storico im oberen Teil des Schwemmkegels gar nicht mehr aufzubauen und den Ort in die Ebene zu verlegen. Von diesem ungewöhnlichen Ansinnen rückt die christdemokratische Gemeindeverwaltung jedoch ab, weil die Altstadt für die Bewohner von identitätsstiftender Bedeutung ist. Zwar wird das historische Zentrum mit dem Dom Santa Maria Assunta, dessen geneigte Zentralsäulen noch heute an das Beben erinnern, und dem Palazzo Communale wieder rekonstruiert und der Wohnungsbestand in der Altstadt erneuert. Die Vorliebe der Menschen gilt jedoch den neuen Häusern in der Ebene: modern, sauber und komfortabel. Weil der Gemeinderat die Baugenehmigungen in den Randbereichen Gemonas zu freizügig handhabt, misslingt die Wiederbelebung des Zentrums, das nach wie vor an Überalterung und fehlender Wirtschaftsdynamik krankt.

In Venzone entscheidet man sich aufgrund der besonderen Stellung der Stadt als monumento nazionale und wegen der in Aussicht gestellten Sonderfinanzierung für den »historischen Wiederaufbau«. »Stein für Stein« erfolgt unter Aufsicht des Ministeriums für Denkmalschutz die perfekte historische Rekonstruktion des gesamten mittelalterlichen Stadtbildes einschließlich Dom und Stadtmauer. Es gelingt, den historischen Charakter Venzones zu erhalten und gleichzeitig die städtische Infrastruktur an die Anforderungen des 20. Jahrhunderts anzupassen. Außerhalb der Stadtmauern erteilt die Gemeindeverwaltung Baugenehmigungen an private Häuslbauer, deren kunterbunte Villen die Wanderung bei Venzone abschnittsweise säumen.

In Bordano wiederum überlegen die Gemeindeväter unter dem Eindruck der Zerstörungen durch das Herbstbeben, den Ort überhaupt auf die andere Seite des Tagliamento zu verlegen und ihn an die expandierende Ortschaft Osoppo anzuschließen, was jedoch am Widerstand der Bevölkerungsmehrheit scheitert. Aufgrund der Kleinteiligkeit des Grundbesitzes und um landwirtschaftliche Flächen für den bäuerlichen Nebenerwerb zu erhalten, werden platzsparende Reihenhäuser errichtet. Die kommunistische Gemeindeverwaltung sieht sich für diese Entscheidung mit herber Kritik konfrontiert: Der Vorwurf lautet auf Dirigismus und fehlende Transparenz, die uniformen Reihenhaussiedlungen werden vom Volksmund als i treni (die Züge) verspottet. Während in den Vergleichsgemeinden die politischen Mehrheitsverhältnisse stabil bleiben, erfolgt der Wiederaufbau in Bordano unter drei verschiedenen Gemeindeverwaltungen. Von den vier Vergleichsgemeinden erfährt Bordano jedenfalls die radikalste Veränderung und zeigt sich die Bevölkerung mit dem Ergebnis des Wiederaufbaus am wenigsten zufrieden.

Die Fotos von dieser Seite wurden aus diesem (alten) Buch entnommen

Auch der »Corriere della Sera« zieht 1988 eine zwiespältige Bilanz über den Wiederaufbau in Friaul, »diesem zeitweiligen Dorado für Architekten«: »Historisierende Rekonstruktion, modernistische Repräsentationsbauten, vor allem bei den Rathäusern, und Adaption des Neuen an das Alte halten sich die Waage. In den entlegenen Talschaften herrscht hingegen ein weniger prätentiöser Funktionalismus, ein vom Maurermeister beratener Do-it-yourself-Stil. Diese Bausubstanz ist jetzt seismisch unempfindlich geworden: Drei Erdstöße am 1. 2. 1988 bis zu 4,1 auf der Richterskala bewirkten keinerlei Bauschäden an den wiedererrichteten Häusern«.

Eine in den 1980er Jahren durchgeführte Langzeituntersuchung beleuchtet kritische Phasen des friulanischen »Wiederaufbauwunders«. Die Wohbauförderungen lösen einen regelrechten Bauboom aus: Die Menschen geben mehr Geld aus, als ihnen zur Verfügung steht. Zahllose Firmen werden über Nacht gegründet, um schnelle Profite mitzunehmen. 1979 liegen die Preissteigerungen bei 30 Prozent über den ausgeschriebenen Vereinbarungen, vereinzelt werden die Kosten um bis zu 80 Prozent überschritten. Um die lokalen preistreibenden Baukartelle zu zerschlagen, werden im Jahr 1980 unter Protest der heimischen Bauwirtschaft von den Behörden 18 Großunternehmen aus anderen Region angeworben. In einem Papier des Notstandskommissariats heißt es: »... dass die Einwohner, desperat und fast morbid an ihre Häuser geklammert, alle ihre Ressourcen einschließlich normaler Kredite aufbrauchten, um weit über die bewilligten Beträge hinaus zu reparieren, vergrößern und zu verschönern«. Tatsächlich wird in Friaul der 1980er Jahre viel und groß gebaut: In zahlreichen Berggemeinden stehen die Häuser leer, weil mehr Wohnraum noch keine Zuwanderung schafft. Aber auch in Zuwanderungsgemeinden wird über das Ziel geschossen: In Trasaghis, einem Ort nördlich von Osoppo, wird einer Erhebung zufolge Wohnraum für 446 Personen mehr geschaffen als tatsächlich in der Gemeinde gemeldet sind.

Der anhaltende Bauboom hat auch irreversible Auswirkungen auf die traditionelle Siedlungsstruktur: Gruppengehöfte mit Scheunen und Schuppen weichen Reihenhäusern mit Garagen, Betonmauern mit überdachtem Eingang und Vorgarten trennen Nachbarn. Ausgedehnte Siedlungsflächen ersetzen die traditionellen friulanischen Mehrfamilienhäuser, »weil jeder ein eigenes Haus besitzen will, um das er herum gehen kann«, schreibt der Geograf Robert Geipel.

Der Architekturkritiker Christoph Hackelsberger konstatiert 1985 eine »desperat-morbide Bausucht« in Friaul, »die sich aus Sicherheitsgründen weitgehend dem Beton und seiner Logik« ausgeliefert hat. Die Region sei zu einer »Stahlbetonprovinz von bedrückender, festungsartiger Wehrhaftigkeit gegen seismische Wechselfälle« geworden: »Eine Provinz, in der Steinbau vorzüglich gehandhabt wird, wendet sich unter dem Trauma ihrer totalen Zerstörung dem Beton zu«.