Italiens Slowenen - Geographie


Theodor Domej  (aus dem Buch "Die letzten Täler" von Unikum)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Italien kein Staat, nach Meinung des Fürsten Metternich nicht einmal ein Land, sondern nur ein geographischer Begriff. Seit langem ist jedoch klar, dass Italien seinen Namen von der Staatssprache herleitet. Auch dass auf seinem Staatsgebiet Minderheiten leben, ist den meisten geläufig. 

Sofort fällt dem Österreicher das deutschsprachige Südtirol ein, vielleicht auch das französischsprachige Aostatal. Doch auch die Region Friaul-Julisch Venetien verfügt, neben der autonomen Region Trentino-Alto Adige (Südtirol) mit den autonomen Provinzen Trento (Trient) und Bolzano-Bozen, und den anderen autonomen Regionen Sardinien, Sizilien und Val d’Aosta, über ein Spezialstatut, in dem besondere Bestimmungen zum Schutz der Minderheitensprachen enthalten sind. Die Region Friaul-Julisch Venetien weist eine große sprachliche und ethnische Vielfalt auf, neben italienisch wird slowenisch, friulanisch und deutsch gesprochen

Bei der ersten Sitzung des gesamtitalienischen Parlaments fiel der Satz: »Wir haben Italien geschaffen, jetzt müssen wir die Italiener schaffen!« Er bezog sich zwar auf den Umstand, dass um 1860 nur wenige Italiener ihre Schriftsprache beherrschten (angeblich waren es nur 2 bis 2,5 Prozent), doch drückte dieser Ausspruch auch eine klare Botschaft an alle nicht-italienischsprachigen Bürger aus. Mit Nachdruck betrieben Nationalstaaten, die ihr Selbstverständnis an eine Sprache banden, eine Politik, ihre Bevölkerung sprachlich und kulturell zu vereinheitlichen. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts setzten sich allmählich Denkungsweisen durch, welche die sprachliche und kulturelle Vielfalt nicht als Nachteil betrachteten. Dazwischen liegen fast hundertfünfzig Jahre, in denen Nationalitätenkonflikte teils auch mit Gewalt ausgetragen wurden. Anhand der Slowenen in Italien lässt sich diese Entwicklung veranschaulichen. 

In Italien sind die Slowenen entlang fast der gesamten italienisch-slowenischen Staatsgrenze beheimatet. Ihr autochthones Siedlungsgebiet erreicht bei Pontebba (slow. Tablja, dt. Pontafel) im Kanaltal den nordwestlichsten Punkt und endet im Süden zwischen Monfalcone (Trzič) und Duino (Devin) an der Adriaküste. Das ist zugleich der westliche Rand des slowenischen Siedlungsraumes, wo sich seit vielen Jahrhunderten Slawen und Romanen begegnen. Nimmt man die frühmittelalterlichen Langobarden und dann die Bayern und Franken dazu, aus denen im Laufe der Zeit Deutsche wurden, kommen in einem kleinen Gebiet sogar alle drei großen europäischen Sprachfamilien in Kontakt. In erster Linie waren es die Städte Triest und Görz, die seit Jahrhunderten eine mehrsprachige und multikulturelle Atmosphäre erzeugten.

Eine kleine Berührungszone entstand auch im heute italienischen, bis 1918 aber österreichischen (kärntnerischen und krainischen) Kanaltal (it. Val Canale, slow. Kanalska dolina). Eine Spracherhebung Ende des 18. Jahrhunderts im Kärntner Kanaltal ergab ein kleinräumliches Nebeneinander vieler Sprachinseln: In der Pfarre Pontebba wurde »Deutsch, vermischt mit Slowenisch und Italienisch« (Germanica mixta Vindica et Italica) gesprochen, in San Leopoldo la Glésie (slow. Lipalja vas, dt. Leopoldskirchen), Camporosso (slow. Zabnice, dt. Saifnitz) und Ugovizza (slow. Ukve, dt. Uggowitz) slowenisch, in Malborghetto (slow. Naborjet, dt. Malborgeth) und Tarvisio (slow. Trbiz, dt. Tarvis) deutsch, ebenso wie in Fusine in Valromana, das bis 1918 zum Herzogtum Krain gehörte und Weißenfels (slow. Bela peč) hieß. 


Pontafel war für Jahrhunderte ein Ort, der an der Staats- und Sprachgrenze lag. Die Grenze verlief auf der Brücke über den Bach Pontebbana, der bei Pontafel in die Fella mündet. Hier begann erst das romanische Gebiet, in dem Friulaner lebten. Entlang der beiden Nebenflüsse der Fella (slow. Bela), Dogna und Raccolana, liegen nur wenige kleine Siedlungen, doch sie trennen zwei slowenische Gebiete voneinander, nämlich das Kanaltal vom Resiatal (it. Val Resia, slow. Rezija).

Das Resiatal ist ein von hohen Bergen umgebenes Seitental des Fellatales. Es reicht bis zu den Berghängen des Canin (slow. Kanin). Seine geographische Lage, die bestimmt ist von Abgeschlossenheit, machte es zu einer Besonderheit. Sprachlich ist es eine Enklave, denn hier wird eine eigentümliche Variante des Slowenischen gesprochen, die lange kaum Kontakte mit der übrigen slowenischen Lebenswelt hatte. 

Mit dem Resiatal beginnt das Gebiet, welches von den Slowenen Benečija oder Beneška Slovenija (ital. Slavia veneta) genannt wird. Es umfasst jenen Teil des autochthonen slowenischen Siedlungsgebietes, der viele Jahrhunderte im Machtbereich der Republik Venedig lag und sich auf die Hügel und Berge am nordöstlichen Rand der Ebenen Friauls beschränkt. Entlang der Flussoberläufe des Torre (Ter) und Natisone (Nadiza), in den Dörfern, in den Hügeln und Bergtälern der Julischen Voralpen siedelten und siedeln zum Teil heute noch Menschen, die eine slowenische Mundart sprechen. In der Ebene hingegen leben Friulanisch- oder Italienischsprachige. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war die Sprachgrenze weitgehend stabil, erst die Zugehörigkeit zum italienischen Nationalstaat (in einigen Teilen seit 1866, in den meisten seit 1918) verschob im traditionellen Siedlungsgebiet der Slowenen die sprachlichen Stärkeverhältnisse beträchtlich zu Ungunsten der Slowenen. 

Die dritte Zone, in der in Italien von einem Bevölkerungsteil slowenisch gesprochen wird, bilden die Städte Görz und Triest mit ihren Umgebungsgemeinden. Diese Gebiete liegen erst seit Ende Österreich-Ungarns (1918) innerhalb der Grenzen des italienischen Staates.

In einigen Orten des Kanaltals wird eine der Kärntner Gruppe zugehörige slowenische Mundart gesprochen, nämlich die Gailtaler Mundart, der sich außer der slowenischsprachigen Minderheit im österreichischen Kärntner Unteren Gailtal die im italienischen Kanaltal und in einem kleinen Gebiet Sloweniens in Rateče bedient und die damit ein wahrlich Staatsgrenzen überwindender Dialekt ist. 

Resianisch ist ohne Zweifel der isolierteste slowenische Dialekt, der noch dazu in einigen lokalen Varianten gesprochen wird. Mundartforscher geben ihm eine Position zwischen den Kärntner und küstenländischen slowenischen Dialekten, charakterisieren ihn als sehr archaisch und gleichzeitig, besonders was den Wortschatz betrifft, unter dem Einfluss des Friulanischen stehend. Die unmittelbare Verbindung mit dem slowenischen Isonzotal bestand lange nur in einem schmalen mehr Steg als Weg über den Ucceapass (Učja). Diese Isolation bewirkte sogar, dass ein Teil der Bewohner es strikt ablehnt, mit Slowenen in Verbindung gebracht zu werden. Einige behaupten sogar, von Russen abzustammen oder einst mit Hunnen und Awaren ins Tal gekommen zu sein. Wahrscheinlich waren es im 19. Jahrhundert russische Sprachforscher, die den Bewohnern des Resiatales diese Flausen in den Kopf setzten. Ihre Sprache, Lieder und Tänze vermögen Wissenschaftler wie Touristen heute noch in Erstaunen zu versetzen.



In den Hügeln, die sich nordöstlich hinter Venzone, Gemona, Artegna (slow. Ratenj), Tarcento (slow. Čenta), Attimis (slow. Ahten), Faedis (slow. Fojda) und Cividale erheben, werden ebenfalls slowenische Mundarten gesprochen. Die slowenischen Mundartforscher unterscheiden zwischen dem Torre- und Natisonedialekt. Historisch gehörte dieser Teil einstmals zur Republik Venedig, weshalb das Gebiet von den Slowenen als Beneška Slovenija (Venezianisch-Slowenien wäre die Übersetzung ins Deutsche), auf italienisch aber Slavia veneta genannt wird. 

Einen vierten Bereich bilden Gemeinden in den Provinzen Görz und Triest. Östlich von Prepotto (slow. Praprotno) und rund um Görz (Gorica) spricht man den Dialekt der Brici (Bewohner der Goriška Brda). In der Stadt Görz haben zahlreiche slowenische Institutionen ihren Sitz, vor allem Schulen und Kulturorganisationen. Im schmalen Grenzstreifen von Görz bis Triest wird die Karster Mundart (slow. kraško narečje) gesprochen, im nördlichen und östlichen Hinterland von Triest die Innerkrainer Mundart (slow. notranjsko narečje), südlich davon haben die Slowenen in Italien noch einigen Anteil an der Ričana-Mundart (slow. Ričansko narečje). Bereits diese Übersicht zeigt, wie Staatsgrenzen alte Einheiten zerschnitten und voneinander getrennt haben. 

Seit 1971 wurden im Rahmen von amtlichen Volkszählungen weder Umgangssprache noch die nationale Zugehörigkeit erhoben. Es gibt Gebiete, in denen im Alltagsleben die slowenische Sprache vorherrscht, aber auch solche Kleinregionen, wo nur noch wenige Menschen die traditionelle Mundart beherrschen. Andernorts ist sie nur noch an die ältere Generation gebunden und wird mit ihrem Ableben wohl für immer verklingen. 

Der Einfluss von Entnationalisierung und Modernisierung, begleitet zum Teil von ökonomisch bedingter Auswanderung, hat die slowenischen Mundarten in vielen Orten an den Rand gedrückt.

Im 20. Jahrhundert, vor allem aber seit Ende des Ersten Weltkrieges, verstärkte sich der Assimilationsdruck auf die slowenische Volksgruppe in Italien. Im Rahmen der Volkszählung 1910 wurden auf dem jetzigen Territorium der Region Friaul-Julisch Venetien fast 130.000 Slowenen gezählt. 1981 gab es Schätzungen zufolge in diesem Gebiet noch zwischen 60.000 und 83.000 Slowenen (die niedrige Zahl war eine Regierungsschätzung, die höhere erschloss das Slowenische Forschungsinstitut in Triest). Seither dürfte sich die Gesamtzahl der Slowenen weiter verringert haben.

Die größte Zahl (slowenische Schätzung aus dem Jahr 1981) von Slowenen – etwa 40.000 Personen, also fast die Hälfte aller italienischen Slowenen – lebt in der Provinz Triest (diese hat 236.000 Einwohner). Ein weiteres Fünftel (ca. 17.000) siedelt in der Provinz Görz (die Einwohnerzahl beträgt 141.000 Personen). Etwa ein Zehntel der Slowenen der Region Friaul-Julisch Venetien (8.000) lebt im Natisonetal. Im Torretal leben etwa 5.000 Slowenischsprachige, im Resiatal ca. 1.500 und im Kanaltal etwa 1.200. Außerhalb des angestammten Siedlungsgebiets, in der friulanischen Ebene der Provinz Udine, siedelten sich im Laufe des 20. Jahrhunderts viele Slowenen an, die aus den abgelegenen und wirtschaftlich benachteiligten Ortschaften in die aufstrebenden Gebiete zogen, sodass ihre Zahl auf etwa 10.000 Personen geschätzt wird. Die Zahl der Slowenen in der Provinz Udine beläuft sich somit auf etwa 25.700 Personen (in der Provinz Udine leben ungefähr 530.000 Menschen).