Die friulanische Sprache


Im Friaul leben freundliche Menschen. Das kann der Wanderer ihrem Gesichtsausdruck entnehmen, auch wenn er vielleicht nicht versteht, was ihm gewünscht wird, wenn ihm im Vorübergehen ein »Buon di’« zugerufen wird. 



Mit diesem »Guten Tag« trifft er vielleicht erstmals auf die drittgrößte Minderheitensprache Italiens, die nach Schätzungen von 500.000 bis 700.000 Personen hauptsächlich in den Provinzen Udine, Pordenone und Gorizia gesprochen wird.
Sie umfasst viele Dialekte und hat etliche deutsche Namen: das Friulanische, das Friaulische oder Furlanische oder Friulische. Jede dieser Bezeichnungen findet sich in ernstzunehmenden wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Gegenstand, der sich in der eigenen Sprache »furlan« nennt und im Italienischen »friulano« heißt. Aufgrund der lautlichen Nähe zum »Original« werden hier die Bezeichnungen »furlanisch« und »furlansprachig« verwendet.

Das Furlanische steht typologisch zwischen dem Italienischen und dem Französischen. Die Theorie, dass es mit dem Ladinischen und dem Bündnerromanischen zu den rätoromanischen Sprachen zählt, ist heute sehr umstritten. Für die Sprachgruppe findet sich immer noch die Bezeichnung »Alpenromanen«, obwohl der größte Teil der Sprecher außeralpin, nämlich in der furlanischen Tiefebene, lebt. Furlanisch wurde in Italien 1999 als Minderheitensprache anerkannt.

Der Kulturraum (oder das historische) Friaul, der mit kleinen Abweichungen auch dem furlanischen Sprachgebiet entspricht, hat als Grenzen die Flüsse Livenza im Westen und Isonzo im Osten und beinhaltet damit auch ein relativ großes slowenischsprachiges Gebiet, die deutschen Sprachinseln Sappada/Ploden sowie Sauris/Zahre und Timau/Tischelwang, das gemischtsprachige deutsch-slowenisch-furlanische Kanaltal, die venezianischsprachigen Küstenorte Marano und Grado sowie den östlichen Teil der Provinz Venedig. 
Die Ureinwohner Friauls waren Karnier, bis zur Ankunft der Römer war eine Varietät des Keltischen am weitesten verbreitet. Der keltische Anteil am modernen Wortschatz ist jedoch gering, erhalten geblieben sind etwa bussâ für küssen, troi für Weg oder bregons für Hose. Da auch der Einfluss des Langobardischen gering ist, geht man davon aus, dass sich das Furlanische um 1000 entwickelte, ähnlich anderer Dialekte, die sich vom Standard-Latein abspalteten. Die Latinisierung wurde jedenfalls von den Patriarchen von Aquileia gefördert und durch die lange Zugehörigkeit der Region zu Venetien.

Wie geht es dir heute?
Erste furlansprachige Dokumente, Verwaltungsakten nämlich, stammen aus dem 13. Jahrhundert. Ab dem 15. Jahrhundert sprach die Mehrzahl der Bevölkerung Furlanisch, der Adel Lateinisch oder Deutsch, bis es vom venezianischen Dialekt als Hauptsprache abgelöst wurde. Noch bis vor 200 Jahren waren die Provinzen Pordenone und Triest furlansprachig, heute spricht man vielfach venezianische Dialekte.
Letzte Umfragedaten wurden 2001 veröffentlicht: Im traditionellen furlansprachigen Gebiet sprechen es 57 Prozent, das bedeutet eine Abnahme seit der davorliegenden Umfrage von 1978 um 20 Prozent, 20 Prozent nur ab und zu, 2,6 Prozent gar nicht. Bezeichnend ist, dass 50 Prozent der Befragten Furlanisch mit den Eltern sprechen, aber nur 35 Prozent mit ihren Kindern.

Das Furlanische unterteilt sich in vier Dialekte: zentralfurlanisch (wird in der Provinz Udine gesprochen), nordfurlanisch (in der Carnia), südost-furlanisch (in der Bassa Friulana) und westfurlanisch (Provinz Pordenone). Die Verständigung zwischen den Dialekten ist einfach, Frauen etwa heißt feminis, femines oder feminas; starke Differenzierungen gibt es nur bei Pflanzen- und Tiernamen sowie im Fachwortschatz traditioneller Berufe. Fast jeder Ort Friauls besitzt sowohl einen italienischen als auch furlanischen Namen. Seit 2004 werden einsprachige Ortstafeln durch zwei- oder seit 2006 auch dreisprachige (italienisch, furlanisch und slowenisch) ersetzt, etwa 40 Prozent der Gemeinden Udines haben solche schon. 
Erst 1871 begann eine umfassende sprachwissenschaftliche Beschäftigung, als Jacopo Pirona einen Meilenstein in der Tradition der Dialektwörterbücher, das erste große Wörterbuch Furlanisch-Italienisch, vorlegte. Es enthält z. B. das Gleichnis vom verlorenen Sohn in mehreren furlanischen Dialekten. Das Furlanische wird hierin als favello oder idioma bezeichnet, oft als dialetto, nie als lingua, was dem Italienischen vorbehalten bleibt. 1919 wurde in Gorizia die Società Filologica Friulana mit dem Ziel der Förderung furlanischer Sprache und Kultur gegründet, die ihre Aufgaben bis heute wahrnimmt und großen Einfluss besitzt.
Wie sagt man das auf Friulanisch?
Die Spaltung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg in den kapitalistischen Westen und den kommunistischen Osten, deren Grenzen direkt durch die Region verliefen, hatte fatale Auswirkungen auf die regionale Sprachenvielfalt: das Furlanische wurde als minderwertiger Ausdruck einer Bauernkultur abgetan, im Ringen um die innere Einheit wurden Einflüsse des Deutschen oder Slowenischen nivelliert und die Ortsnamen etwa flächendeckend italianisiert. Die Gegenbewegung wollte Furlanisch nicht länger als Dialekt des Italienischen gelten lassen, und die Suche nach Beweisen einer sprachinternen Einheit unter den furlanischen Dialekten begann. In dieser Zeit entstand der Begriff der furlanischen Koiné, einer werdenden Standardsprache. Geprägt wurde er vom Priester Giuseppe Marchetti, und wie so oft hatte auch bei ihm die Beschäftigung mit der sprachlichen Einheit eine politische Stoßrichtung. Marchetti war sehr nationalistisch, einem obskuren Keltismus verfallen, der der Region ihre Latinität absprach. 1952 legte er in einem ersten Versuch, ein Standardfurlanisch zu fixieren, die erste große Grammatik vor, die für Jahrzehnte die Standardgrammatik der Furlanischkurse der Società Filologica Friulana war. Eine solche Fixierung mittels einer Koiné wurde – und wird – als einzige Möglichkeit gesehen, die furlanische Sprache zu retten, auch wenn eine Koiné nicht alle dialektalen Varianten berücksichtigen kann. Dieser Zwiespalt bestimmt die Debatten um die furlanische Sprache bis heute.
»Die entschiedensten Befürworter des Friaulischen betonen seine Distanz zum Italienischen, seine innere Homogenität, die Existenz einer friaulischen Nation, ihre enge Verwandtschaft mit den zwei anderen ladinischen Sprachgruppen, die keltischen Wurzeln der Region und die Bedeutung des germanischen Elementes (langobardische Präsenz, Einfluss der deutschen Kultur durch deutsche Patriarchen). Sie fordern eine komplette Zweisprachigkeit (…) und eine umfassende Sprachplanung (…). Die Gegner des Friaulischen betrachten das Friaulische als Dialekt des Italienischen oder als Sprache, die eng mit dem Italienischen verwandt ist, streichen seine Vielfalt an Dialekten heraus und die tausendjährige kulturelle Latinität und Italianität der Region. Sie sprechen sich höchstens für eine freiwillige Einführung des Friaulischen in den Schulen und gegen seinen öffentlichen Gebrauch aus. (…) Seine Standardisierung würde außerdem seine dialektale Vielfalt gefährden und den Sprechern eine Kunstsprache aufzwingen, die obendrein nur Kosten und soziale Spannungen verursache«, schreibt Davide Turello in seiner lesenswerten Dissertation »Sprachplanung des Friaulischen: eine Untersuchung der Standardisierungsprozesse« 2005.
Schon in den 60er Jahren beeinflusste die politische Frage, die oft nach Autonomie fürs Friaul verlangte, die Sprachenfrage stark; die Abgrenzung zum Italienischen wurde überbetont, was in der Erfindung von Neologismen gipfelte, um die Sprache »rein« zu halten. 1985 erscheint das zweibändige Vocabolario della lingua friulana von Giorgio Faggin. Das Werk basiert auf dem Wörterbuch Pironas, außerdem zieht Faggin fast alle Schriftsteller der letzten 50 Jahre als Quelle heran. Aber auch Faggin enthält sich nicht gewisser »Sprachsäuberungen«: Er nimmt etwa als selbstständige Einträge kaum Wörter auf, die ein -o im Auslaut haben, weil dieser Vokal in echten furlanischen Wörtern nicht vorkommen könne, auch wenn dies dem tatsächlichen Sprachgebrauch nicht entspricht. Die sprachliche Realität am wenigsten abbildend ist dabei etwa der Eintrag »pomodoro«, bei dem Faggin ohne weitere Angaben auf »tomat« verweist. Dieses »tomat« kommt in der gesamten furlansprachigen Literatur ein einziges Mal in einem scherzhaften Text aus dem 19. Jahrhundert vor – dies reicht Faggin jedoch, um es als Ersatz für den Italianismus »pomodoro« vorzuschlagen. Ähnlich der Eintrag »zero«, der auf das völlig unbekannte »nule« verweist, belegt durch ein einziges Zitat.

Das Regionalgesetz 15 von 1996 sah unter den Maßnahmen zur Förderung des Furlanischen auch die Einrichtung des Osservatorio Regionale della Lingua e della Cultura Friulane (OLF) vor. Eine der ersten Aktivitäten dieser neu gegründeten Institution war eine zweitätige internationale Tagung an der Universität Udine mit dem Titel Cuale lenghe furlane? (Welche furlanische Sprache?) Als die OLF mit Reglementierungen des Sprachgebrauchs an die Öffentlichkeit trat, beschwor sie damit eine Welle der Entrüstung unter Schriftstellern und Autoren herauf. Bekannte Gedichte in einer der Koiné angepassten Form wurden veröffentlicht, unter dem Motto i poeti normalizzati protestierten die Dichter dagegen in der Presse heftig.
Das letzte Wörterbuch, das Grant Dizionari Bilengal Talian-Furlan (2004) hatte eine lange und komplexe Vorbereitungsphase, für die beteiligten Wissenschaftler war es unentbehrlich, »dass das Friaulische seine Anwendungsgebiete erweitert und auch in Massenmedien, Schulen und Verwaltung verwendet wird.« Das Prinzip dabei ist nicht die Suche nach der Differenzierung vom Italienischen, sondern die Suche nach interner Konsequenz, trotz des Italienischen. Weiters wird versucht, die regionalen Dialekte nach Möglichkeit mitzunehmen. 2004 erschien die erste Ausgabe von 6.500 Wörtern, die 98 Prozent der Alltagssprache abdecken, auf CD-ROM, seit 2005 unter www.cfl2000.net herunterladbar. Seither wurden vier fachspezifische Wörterbücher erstellt, etwa das Dizionari talian-furlan di informatiche e gnovis tecnologjiis.
Bleib ruhig...und sprich Friulanisch!
Auch die Bibel bekommt man furlansprachig, ebenso wie einige Klassiker von »Don Quijote« bis zur »Göttlichen Komödie« Dantes. Doch das Furlanische weit in die Welt hinaus getragen hat im 20. Jahrhundert der Regisseur, Dichter und Publizist Pier Paolo Pasolini, der seine Werke im westfurlanischen Dialekt verfasste. 
Der Schriftsteller und Übersetzer Hans Kitzmüller übertrug etwa Pasolinis Theaterstück I Turcs tal Friul (Die Türken in Friaul) ins Deutsche und ist heute ein bedeutender Übermittler des Furlanischen. Sein Verlag »Braitan« ist eine der wenigen grenzüberschreitenden verlegerischen Initiativen in Europa, in der etwa mehrsprachige Editionen der österreichischen Schriftsteller Gustav Januš und Janko Ferk erschienen, eine Anthologie furlanischer Lyrik in deutscher Übertragung (Wie eine Viole in Casarsa) oder Werke furlanisch schreibender Autoren wie Novella Cantarutti, Amadeo Giacomini oder Celso Macor, die bei mehreren Lesungen auch das Publikum in Wien und Klagenfurt begeisterten.

Annemarie Pilgram-Ribitsch