Italiens Slowenen - Geschichte


Theodor Domej  (aus dem Buch "Die letzten Täler" von Unikum)

Am längsten leben unter dem Dach des italienischen Staates die Slowenen der Slavia veneta, des Hügellandes an den Oberläufen der Flüsse Torre und Natisone. 
Sowohl unter den Patriarchen von Aquileia als auch unter den Dogen der Republik Venedig war das slowenische Gebiet mit Autonomie ausgestattet. 
In einem Teil, der an der Grenze zum habsburgischen Machtbereich der Grafschaft Görz lag, umfasste sie auch die Gerichtsbarkeit bis hin zum Blutgericht. Gegen Ende des Mittelalters wurde diese Region »Schiavonia« oder »in Sclavonis« genannt, später, als diese Gegend der Republik Venedig angehörte, »Schiavonia Veneta«. In dieser Zeit entwickelte sich eine besondere Art von geradezu demokratisch anmutender Selbstverwaltung, als Gegenleistung für den Schutz vor »wilden Stämmen« (»gentium barbarorum«) in der Nachbarschaft, wie es in einer Urkunde aus dem Jahr 1492 heißt. Für ihre Dienste waren sie seit Mitte des 17. Jahrhunderts aller Abgaben an den Staat befreit und stellten innerhalb der Republik eine eigenständige Region dar. Die Bewohner der Hügel- und Gebirgslandschaft waren also Grenzwächter, hielten Straßen intakt und überwachten die Passübergänge. Angesichts der kargen Böden dieser Gegend hätte man nicht viele Abgaben, weder in Geld noch in Naturalien, aus der Bevölkerung pressen können. Für die Republik Venedig war es von Vorteil, hier eine zufriedene Bevölkerung zu haben. In den Kriegen zwischen der Republik Venedig und den Habsburgern kämpften diese Slowenen auf venezianischer Seite. 
Die unterste Verwaltungseinheit bildete das Dorf (it. vicinia, slow. sosednja, eigentlich Nachbarschaft). An dessen Spitze stand der jährlich gewählte Bürgermeister, Dekan genannt, dem die Ortsräte beigestellt waren. Insgesamt gab es 36 solcher Nachbarschaften. 
Spärliche Reste der Rechtsdenkmäler bekommt man zu Gesicht, wenn man die Dörfer Merso di Sopra (Gorenja Mersa) in der Gemeinde San Leonardo (Svet Lenart) oder Biacis (Bijač) besucht. Dort standen bei den Kirchen steinerne Zeugen dieser Selbstverwaltung, jeweils ein steinerner Tisch, slow. mundartlich »laštra« genannt, nach denen dann die größeren Gebietseinheiten benannt wurden. Vor der Kirche von Merso di Sopra versammelten sich die Ortsvorstände der laštra von Mersin; die laštra von Antro (Landar) hielt ihre Versammlung zuerst in Biacis (Bijača), dann in Tarcetta (Tarčeta) ab. Im Rahmen dieser Zusammenkünfte der gewählten Vertreter, slowenisch mundartlich »banka«, wurde beraten und Recht gesprochen. Über wichtige Angelegenheiten beider Gebietseinheiten wurde einmal oder mehrmals im Jahr vor der Kirche des hl. Quirinus südlich von San Pietro beraten.

Die Lastra von Antro heute

Napoleon Bonaparte bereitete 1797 der Republik Venedig ein Ende. Im Frieden von Campo Formio fiel dann der Großteil des Gebietes der Republik Venedig an die Habsburgermonarchie, wo es mit einer kurzen Unterbrechung bis 1866 verblieb. Letztmalig berieten die Vertreter der slowenischen Nachbarschaften am 2. Mai 1804, denn in diesem Jahr lösten die französischen Machtträger die regionale Selbstverwaltung auf; Österreich zerschlug dann diese alte Verwaltungsstruktur endgültig. 
Im 19. Jahrhundert brach die Zeit der nationalen Bewegungen an und es entstanden vielfältige Konfrontationen, die so gut wie alle Lebensbereiche betrafen. Für die extremen Künder des italienischen Nationalismus im 19. und lange ins 20. Jahrhundert hinein waren die Slowenen Barbaren ohne Zivilisation. Mit größter Verachtung sprachen sie über deren Sprache und Kultur und trachteten danach, die slowenische Bevölkerung zu assimilieren. Diese Strategie wandten sie nach 1866 gegenüber den Bewohnern der Slavia Veneta an, ähnlich war ihre Einstellung im österreichischen Küstenland, wenngleich zunächst sowohl die österreichische Verfassung als auch die ethnischen und nationalpolitischen Stärkeverhältnisse in Görz-Gradiska und Triest eine Emanzipation der Slowenen ermöglichten. 
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand ein dichtes Netz von slowenischen Vereinen, Organisationen und Institutionen und es gelang, die Masse der slowenischen Bevölkerung für die slowenische Nationalbewegung zu mobilisieren. Auch bei Wahlen erreichten die slowenischen Kandidaten, verschiedenen weltanschaulichen Lagern angehörend, schöne Erfolge. Triest stieg sogar zur Stadt auf, in der mehr Slowenen lebten als in Ljubljana, ihrem kulturellen Zentrum. In Triest und Görz entwickelte sich ein slowenisches Bürgertum, besonders in Triest, bedingt durch den Hafen, auch eine verhältnismäßig starke Arbeiterbewegung. Wenn an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in pathetischen Reden Ljubljana als Herz Sloweniens bezeichnet wurde, wurde Triest als dessen Lunge gerühmt. In der Stadt wirkten zahlreiche slowenische Organisationen, die auf die geistige und politische Entwicklung der Slowenen modernisierend Einfluss nahmen. Als repräsentativstes Kulturzentrum wurde »Narodni dom« 1904 eröffnet. Unter einem Dach fanden eine Bank, ein Kaffeehaus, ein Hotel, ein Theater und mehrere slowenische Organisationen Platz. 
Mit Ende des Ersten Weltkriegs kam auch das Ende dieser Periode. Die Weltpolitik, genauer die Bündnispolitik im Kontext des Ersten Weltkrieges, ermöglichte dem italienischen Staat das Ausgreifen über seine alten Grenzen hinaus. Um auf Seiten der Entente in den Krieg einzutreten, verlangte Italien aus strategischen Gründen Gebiete im Norden und Osten für sich und bekam sie im Londoner Abkommen (1915) auch zugesichert. Die Slowenen können als Paradebeispiel dafür dienen, wie wenig nach dem Ersten Weltkrieg die Parole vom Recht auf nationale Selbstbestimmung in die Praxis umgesetzt wurde. Sie gehören in Relation zu ihrer Größe zu den Hauptverlierern, denn ohne Rücksicht auf die ethnische Situation wurde ein großer Teil des slowenischen Siedlungsgebietes Italien zugesprochen. Bezogen auf die Vorkriegszeiten kamen 350.000 Slowenen zu Italien, ein Drittel des slowenischen Siedlungsgebiets. Im November 1920 wurde der Vertrag von Rapallo unterzeichnet, in denen die Grenzen zwischen Jugoslawien und Italien bestätigt wurden.

Nach Kriegsende setzte den Slowenen gegenüber eine systematische, ja gewaltsame Entnationalisierungspolitik ein, an deren Spitze die faschistische Bewegung stand. Die Slowenen wurden zu einer schutzlosen Minderheit. Die weltliche slowenische Intelligenz wurde in die Emigration genötigt, die slowenische Geistlichkeit versuchte man einzuschüchtern. Am 13. Juli 1920 setzten faschistische Extremisten das slowenische Kulturzentrum »Narodni dom« in Triest in Brand. Als Symbol der slowenischen Präsenz war es ein Dorn in den Augen italienischer Nationalisten und Faschisten (nebenbei bemerkt ist das Gebäude bis heute nicht zur Gänze an die slowenischen Organisationen restituiert worden). 
1922 kamen in Italien die Faschisten an die Macht, als König Vittorio Emanuele III. Benito Mussolini zum Ministerpräsidenten bestellte. Besonders ab 1925 errichteten sie eine totalitäre Diktatur. Der Duce proklamierte eine konsequente Entnationalisierungspolitik. Im Alto Adige (Südtirol) waren die Deutschen deren Opfer, in Julisch Venetien Slowenen und Kroaten. Hier entwickelte sich eine besondere Variante des Grenzlandfaschismus. Nach Giovanni Gentile (1875–1944), einem durchaus anerkannten Philosophen, der 1922 unter Mussolini Unterrichtsminister wurde und es bis 1924 blieb, wurde die 1923 dekretierte Schulreform benannt (Riforma Gentile). Mit ihr wurden die nichtitalienischen Unterrichtssprachen schrittweise aus der Schule verdrängt. Ab 1923/24 wurde in den ersten Klassen aller von Italien annektierten Gebiete die italienische Unterrichtssprache eingeführt. Bereits 1927/28 war die slowenische Sprache aus den Schulen eliminiert. Die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Vereine und Organisationen wurden aufgelöst beziehungsweise verboten, selbst in den Kirchen wollte man das Slowenische zum Verstummen bringen. Die Namen wurden durchwegs italianisiert. Als sich antifaschistischer Widerstand regte und einige Slowenen sich terroristischer Mittel bedienten, sprach Mussolini davon, dass man die Slowenen wie Wanzen ausrotten müsse. Ein Sondertribunal verurteilte am 5. September 1930 vier Slowenen zum Tod durch Erschießen, mehrere zu langjährigen Kerkerstrafen. Die zum Tod Verurteilten wurden am nächsten Tag in Basovica hingerichtet. 1941 bekamen fünf Slowenen die Höchststrafe. Beide Gruppen gehörten zum Kreis der antifaschistischen Organisation TIGR (die Abkürzung steht für die Anfangsbuchstaben von Trst, Istra, Gorica, Reka, das sind Triest, Istrien, Görz und Rijeka). TIGR war eine der ersten antifaschistischen Widerstandsgruppen in Europa, die nicht unter Leitung von Kommunisten stand. 
Zu einer kurzen Atempause kamen die Slowenen 1937, nach der Annäherung zwischen Jugoslawien und Italien. Diese Zeitspanne dauerte bis zum 5. April 1941, bis zum Überfall auf Jugoslawien, an dem Italien teilnahm. Bereits am 3. Mai 1941 annektierte Italien die gesamte Provinz Laibach, weitere 4.550 km2 slowenischen Territoriums, in dem 340.000 Menschen lebten. Diesem Gebiet gewährte das faschistische Italien zunächst so etwas wie kulturelle Autonomie, im Unterschied zu Hitlerdeutschlands Terrorregime im übrigen besetzten Slowenien. Als sich jedoch im von Italien annektierten slowenischen Gebiet eine organisierte und bewaffnete Widerstandsbewegung formierte, ging auch Italien zum offenen Terror über und deportierte tausende Slowenen und Kroaten in Internierungs- und Konzentrationslager. Am 25. Juli 1943 wurde das italienische faschistische Regime gestürzt, Italien kapitulierte am 8. September 1943. Das Großdeutsche Reich trat nun als Okkupationsmacht auf. Unter dem Kommando des Kärntner Gauleiters Friedrich Rainer wurde ein großes Gebiet vereinigt, denn die sogenannte Operationszone Adriatisches Küstenland umfasste die Provinzen Ljubljana und ganz Julisch Venetien. 
Die slowenische bewaffnete Widerstandsbewegung griff auf das Küstenland über und wurde auch in die Slavia Veneta getragen. Am 16. September 1943, also nur eine Woche nach der Kapitulation Italiens, proklamierte das Oberste Plenum der Befreiungsfront des slowenischen Volkes (Osvobodilna fronta slovenskega naroda – OF) den Anschluss des slowenischen Küstenlandes. Nun tat sich ein nationales Spannungsfeld zwischen den slowenischen und italienischen Antifaschisten auf, denn es wurde die konkrete Frage nach der kommenden staatlichen Zugehörigkeit des slowenischen Siedlungsgebietes einschließlich der Städte Triest und Görz aufgeworfen. Den militärischen Wettlauf um Triest entschieden Tito und die Jugoslawische Armee für sich und befreiten Triest, Görz, Cividale und Tarvis von der deutschen Besatzungsmacht. Doch dieser Zustand währte nur kurz, denn am 11. Juni 1945 mussten sie den Briten und Amerikanern weichen, die eine Militärverwaltung einrichteten. In diesen Ereignissen und Spannungen kündigte sich bereits der Kalte Krieg an.
 Ein Großteil des 1918 Italien zugeschlagenen slowenischen und kroatischen Siedlungsgebietes kam nach dem Zweiten Weltkrieg zu Jugoslawien. Doch die Lage blieb spannungsgeladen, zum einen wegen der nach wie vor offenen Grenzfrage, zum anderen wegen der im Widerstandskampf gesetzten Vergeltungsmaßnahmen, denen mehr oder weniger mit Schuld beladene Anhänger des faschistischen Regimes, hauptsächlich Italiener, zum Opfer fielen. Die meisten wurden in die Karsthöhlen, Fojbe genannt, geworfen. Diese außergerichtlichen Tötungen belasten bis zum heutigen Tag das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit. Der zweite Grund für anhaltende Spannungen war der nach 1945 erfolgte Exodus von Italienern aus dem jugoslawischen Machtbereich. Aus den Küstenstädten Istriens und Dalmatiens zogen Italiener nach Italien, viele ließen sich in Triest nieder oder wurden dort, absichtlich in Sichtweite Istriens und Jugoslawiens, angesiedelt. 
Am 10. Februar 1947 unterzeichneten Jugoslawien und Italien das Pariser Friedensabkommen. Tarvis, Cividale, Görz und Monfalcone fielen endgültig an Italien, in Triest und Umgebung wurde das Freie Territorium Triest (Territorio Libero di Trieste – Svobodno trzaško ozemlje) geschaffen, ein aus zwei Zonen bestehender neutraler Quasistaat unter Oberhoheit der Vereinten Nationen. Im 1954 abgeschlossenen Londoner Abkommen einigten sich Italien und Jugoslawien darauf, diesen Zustand zu beenden. Die Zone A, bestehend aus Triest und Umgebung, kam nun unter italienische, die Zone B unter jugoslawische Verwaltung. Ein umfassendes Minderheitenstatut wurde ebenfalls unterzeichnet, das in der Provinz Triest die Slowenen schützen sollte, auf jugoslawischer Seite aber die dort verbliebenen Italiener. Endgültig besiegelt wurde die Staatsgrenze zwischen Italien und Jugoslawien erst 1975 im Vertrag von Osimo (er trat 1977 in Kraft).