Cividale del Friuli | Čedad | Cividât |
Cividale ist ein liebreizendes Städtchen, das mit seinen Schönheiten nicht hausieren
geht, sie aber geschickt ins rechte Licht zu rücken weiß. So mancher Ort verspielt
Sympathien, wenn er sich mit seiner einzigartigen Geschichte und
Sehenswürdigkeiten von Weltrang dem Besucher an den Hals wirft – oder der, ist er
von der nobleren Sorte, zwar von den Touristenströmen gut lebt, sie aber
naserümpfend auf die billigsten Plätze verweist.
Cividale besitzt beides, eine Geschichte, die bis in die Keltenzeit zurückreicht, und
bedeutende Kunstwerke, aber Dünkel kennt es nicht. Es präsentiert sich stolz, aber
unaufdringlich. Um 50 v. Chr. gründete Julius Caesar das Forum Julii, von dem sich
der Name »Friaul« ableitet. Später wurde es Civitas Austriae genannt, die Stadt im
Osten, woraus sich der Name Cividale entwickelte.
Dass Cividale jedoch viel älter ist, lässt sich etwa am Keltischen Hypogäum ablesen:
Der Zugang zu diesem roh in einen Felsen am Ufer des Natisone gehauenen
Gewölbe befindet sich in der Via Monastero Maggiore 4; der Schlüssel kann in der
Bar Ipogeo gleich um die Ecke entliehen werden. Über eine Steintreppe steigt man
bis auf Höhe des Natisone ab. Drei Räume mit Zellen und Nischen wurden in den
Fels getrieben, ständig rinnt Wasser über das Gestein. Sicher ist man sich nicht,
doch vor allem drei grobe Steinmasken mit weit aufgerissenen Mäulern lassen
Experten vermuten, dass es sich hierbei um eine keltische Totenkultstätte handelt.
Der Natisone, der die Stadt mit seiner tiefen Schlucht in zwei Hälften teilt, protegiert
Cividales Originalität. Schon im 13. Jahrhundert hatte ein hölzerner Steg die beiden
Seiten verbunden. Mit dem Bau einer steinernen Brücke begann man 1442, doch die
Arbeiten kamen nur langsam und unter erheblichen Schwierigkeiten voran. Dies und
die Position der Brücke, deren mittlerer Pfeiler auf einem natürlichen Felsen genau in
der Mitte des Flusses ruht, haben volkstümliche Fantasien befördert, denen die
Brücke ihren Namen verdankt: Ponte del Diavolo, Teufelsbrücke, heißt sie. So habe
der Teufel selbst mit Unterstützung seiner Mutter, die den Mittelpfeiler in ihrer
Schürze heranschaffte, die Brücke in nur einer Nacht errichtet. Als er seinen Lohn,
die Seele der ersten Kreatur nämlich, die die Brücke betrat, einforderte, schickten die
findigen Cividaler eine Katze voran, womit sich der H.llenfürst zähneknirschend
begnügen musste.
Blickt man von der Teufelsbrücke flussaufwärts ans linke Ufer und reist man in der
Fantasie gut 1.400 Jahre zurück, entsteht vor dem inneren Auge jene Zone, die die
Langobarden »valle« (»Tal«) nannten, wo der Palast des Gastalden, des königlichen
Stellvertreters, stand, die Kirche San Giovanni in Valle und ein Kloster, zu dem
wahrscheinlich der einzigartige Tempietto Longobardo gehörte, mit dem Cividale ein
Kunstwerk besitzt, das seinesgleichen sucht. Unklar ist, von wem, für wen und zu
welchem Zweck der Gebetsraum errichtet wurde, auch an der Datierung (Beginn
oder Mitte des 8. Jahrhunderts) kniffelt die Wissenschaft. Von außen ist das
Oratorium kaum zu erkennen; ein Steg führt, mit atemberaubenden Blicken auf den
Fluss, von der Piazzetta S. Biagio die Felswand entlang bis zum Eingang. Die
Ausstattung im Inneren jedoch, so sind sich zahlreiche Kunstführer einig, »findet in
der gesamten westlichen Kunst keinen Vergleich« und meinen vornehmlich die
Stuckarbeiten, die sich ursprünglich über alle drei Seitenwände der Aula zogen und
heute an der westlichen Wand immer noch fast vollständig erhalten sind. Der Blick
bleibt an den sechs überl.ngten weiblichen Figuren neben einer Fensternische
hängen. In kunstvoll gefältelte Gewänder gehüllt, blicken vier von ihnen,
wahrscheinlich Frauen fürstlichen Standes, ins Leere; die beiden direkt neben der
Fensternische tragen ein schlichtes Kleid, die Palla, die geistlichen Frauen
vorbehalten war. Sie haben die Hände in Anbetung erhoben und weisen zur Nische
hin. Unterhalb der Frauenfiguren rahmt ein reich ornamentierter Bogen ein bemaltes
Lünettenfeld, beides über der ursprünglichen Eingangstür. Der Rankenfries mit
seinen naturnahen Trauben und Blättern liegt nicht auf der Wand auf, sondern ist
unterhöhlt, was die eindrucksvoll plastische Wirkung erzeugt. Das umgebende
Flechtwerk ist weniger »typisch langobardisch« als zeittypisch.
Überhaupt »typisch langobardisch«: Der oftmals verwendete Begriff der
»langobardischen Kunst«, mit dem etwa auch das Museo Archeologico Nazionale in
seine Ausstellung lädt, ist irreführend. Die Langobarden hatten, wie viele
skandinavische Völker, Geschick in der Metallverarbeitung entwickelt, wie sich durch
Grabfunde in Form von Schwertern, Fibeln, Gürtelschnallen und Goldkreuzen
belegen lässt. Fließende Ornamente und die Angst vor der Leere, der Horror Vacui,
zeichnen diese bereits vor dem Einzug im Friaul gefertigten Kunstwerke aus. Hier
stießen die neuen Herrscher auf Kunst und Architektur der mediterranen Welt. Die
Machtausübung und die Bekehrung der Oberschicht zum Katholizismus brachte eine
neue Aufgabe mit sich: die Errichtung und Ausstattung von Kirchen, wofür sie auf
ortsansässige Künstler, Steinmetze und Baumeister zurückgriffen. Zu den
spätantiken und frühchristlichen Einflüssen mit naturalistischen Motiven stießen oft
byzantinische und arabische Elemente: Viele östliche Künstler waren vor dem
Ikonoklasmus, den bilderfeindlichen Strömungen im byzantinischen Reich, nach
Westen geflohen und wurden nun für die Langobarden tätig. Ihre Werke zeigen
reiches Linienspiel, florale und zoomorphe Motive. Mit »langobardischer Kunst«
meint man heute also verschiedene stilistische Ausrichtungen, vor allem aber ein
multikulturelles Klima, in dem westliche und östliche Künstler für langobardische
Herren ihre Kunstwerke schufen. Sehr schöne Zeugnisse finden sich im
Archäologischen Museum im Palazzo dei Provveditori neben dem Dom, dessen
Pläne übrigens auf den »Staatsarchitekten« Andrea Palladio zurückgehen. Die
Gebrauchsgegenstände, Waffen und Schmuckstücke aus langobardischen Gräbern
werden nicht ungeschickt in zeitgemäßes Ausstellungsdesign gepackt, das die
schwungvolle Formensprache der Exponate unterstreicht.
Cividale war 568 unter König Alboin zur Hauptstadt des ersten langobardischen
Herzogtums auf italienischem Boden geworden. Dieser Alboin hatte eigenhändig
seinen Schwiegervater Kunimund ermordert und seine Frau Rosamunda bei einem
Gelage gezwungen, aus dem Schädel ihres Vaters zu trinken. Dieser Stoff für ein
großes Epos ist leider keinem begabten Dichter der Zeit in die Hände gefallen,
obwohl auch sein Ende dem Nibelungenlied an Dramatik und Brutalität nicht
nachsteht: Rosamunda schwor Blutrache, ließ Alboin töten und heiratete, aus
Dankbarkeit, den Mörder ihres Ehemannes.
Im Gefolge Alboins war auch die Familie von Paulus Diaconus nach Cividale
gekommen, er selbst wurde in einem Haus an der nach ihm benannten Piazza Paolo
Diacono (siehe Tafel am Haus Nr. 26) geboren. Ihm ist es zu verdanken, dass das
Wissen über die Langobarden bis heute so präsent geblieben ist, denn in der
»Historia Langobardum« zeichnete er, der auch am Hof Kaiser Karls des Großen
lebte, detailreich die Geschichte seines Volkes auf. Platzhirsch auf der Piazza ist das
Caffé Longobardo, von wo aus betrachtet das rege Treiben vor allem am frühen
Abend – verstärkt durch den wohltuenden Einfluss von Aperol und Campari –
unnachahmlich italienisches Flair und genießerische Gelassenheit entfaltet.
Im Museo Cristiano, in das man durch das rechte Seitenschiff des Doms gelangt –
der für sich eine Besichtigung übrigens nicht wert ist, was durch ungeschickte
Lichtführung und Behübschung mit durstigen Topfpflanzen geradezu frevlerisch
betont wird –, finden sich Hauptwerke aus der Langobardenzeit, auch Fresken aus
dem Tempietto Longobardo wurden hierher gebracht. Berühmt ist das achteckige
Taufbecken des Callixtus, reich dekoriert mit Flechtwerk, Palmblättern, Pfauen,
Löwen, Hirschen und Seeungeheuern, sehr flach gearbeitet, dennoch naturalistisch,
hochberühmt der Ratchis-Altar, der Inschrift gemäß vom Langobardenherzog Ratchis
im Andenken an seinen Vater Pemmo gestiftet und zwischen 737 und 744
entstanden. Hier ist der Horror Vacui greifbar: Jede Fläche wird mit Sternen, Blüten,
Bögen, Blättern gefüllt, auch der Einfluss des Byzantinischen ist deutlich, auch wenn,
wie Klaus Zimmermanns und Andrea C. Theil in »Friaul und Triest« befinden, »(...)
sich ein solches Werk zur byzantinischen Hofkunst verhält wie das volgare zum
klassischen Latein.«
Schreibt man den Langobarden, zumindest in der Überlieferung, eher feinsinniges
Gebaren zu, haben die Awaren ein überaus blutiges Kapitel der Stadtgeschichte
geschrieben. Das asiatische Reitervolk überfiel Cividale 610. Die Tatsache, dass die
langobardischen Könige einvernehmliche Beziehungen mit den Awaren pflegten und
601 sogar einen »ewigen Frieden« geschlossen hatten, lässt Historiker jedoch
vermuten, dass Cividale einer innerlangobardischen Fehde zum Opfer fiel, ersonnen,
um den in Ungnade gefallenen Herzog Gisulf II. auszuschalten. Die Langobarden
verschanzten sich in der Stadt und in den umliegenden Kastellen von Cormons,
Nimis und Osoppo. Nachdem Gisulf im Kampf gefallen war, leitete seine Witwe
Romilda die Verteidigung Cividales. In aussichtsloser Lage entschloss sie sich zur
Übergabe der Stadt und bot sich dem Awarenfürsten als Gattin an. Sie wurde aber
von den Awaren als Verräterin geschändet und durch Pfählung zu Tode gemartert.
Die Stadt wurde geplündert und zerstört, Frauen und Kinder versklavt, die Männer
wurden ermordet oder nach Pannonien verschleppt. Doch mit dem fehlgeschlagenen
Versuch, Konstantinopel zu erobern, ging das »goldene Zeitalter« der Awaren bald
zu Ende, und sie mussten sich aus Friaul zurückziehen.
Cividale erholte sich von dieser Schreckensherrschaft zwar langsam, aber stetig. Der
Aufstieg wurde gekrönt vom Einzug der Patriarchen 737, die ihren Sitz von Cormons
hierher verlegten, wo sie sich besser schützen konnten. Sie blieben fünf
Jahrhunderte lang und machten Cividale per Landherrenrecht zur Hauptstadt Friauls.
Ihre Präsenz sicherte Cividale während des ganzen Mittelalters eine kulturelle und
ökonomische Vorrangstellung in der Region. Mit der »Messe des Schwertes«
gedenkt man heute noch zu Epifania, dem Fest der Heiligen Drei Könige, des
Einzugs der Patriarchen. Der Diakon begrü.t das Volk mit dem Schwert in der Hand
und eröffnet damit den Karneval; nach der Messe ziehen mehr als 200 Figuranten im
mittelalterlichen Kostüm durch die Straßen Cividales.
Mit dem Mittelalter hat das »Mittelfest«, Cividales weit über die regionalen Grenzen
hinaus bekanntes Festival der Literatur, Musik, Tanz, darstellenden und Marionetten-
Kunst, nichts zu tun, sondern mit den teilnehmenden Ländern Mitteleuropas. Das
Festival, unterstützt von der Region Friaul, der Provinz Udine und der Stadt Cividale,
nimmt sich jedes Jahr viel vor: 2008 heißt das Thema etwa unbescheiden »costruire
il tempo« und will eine Reflexion der Zeit in ihren drei Erscheinungsformen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in allen Kunstgattungen auf die Bühne
bringen und die Frage nach der Konstruktion von Zeit und ihrer Verfügbarkeit stellen.
Die Frage nach der Zeit vergeht dem Besucher schnell, wenn alle
Sehenswürdigkeiten besichtigt sind und er sich etwa im Caffé San Marco gegenüber
dem Dom im Anblick des kleinstädtischen Treibens verliert. Wem nicht danach ist,
der bestellt noch etwas, wer gerne bummeln geht, sollte Cividales »Shoppingmeile«,
dem Corso Giuseppe Mazzini, seine Aufmerksamkeit widmen, denn einkaufen kann
man im kleinen Cividale erstaunlich gut. Regionale Spezialitäten und dolci, vor allem
die berühmte gubbana, gibt’s in »La Bottega del Gusto« knapp vor der
Teufelsbrücke. Corso Giuseppe Mazzini 13 beherbergt »ernestamode«, eine kleine
Boutique, die mit Namen wie Max Mara und Missoni lockt. Gegenüber, auf Nummer
20, wohnt die große Schwester: das schicke, ein wenig schrille »Forvm« mit
hochpreisigen Markenartikeln von Prada, Dolce & Gabbana oder Cavalli. Auch wer in
Kaufrausch gerät, sollte sich einen Moment Zeit nehmen für die prächtige alte
Apotheke an der Kreuzung mit der Via Cavour, situiert im freskengeschmückten
Palazzo Levrini-Stringher aus dem frühen 16. Jahrhundert. Auf Nummer 14 hat sich
mit dem »ubik« eine gut sortierte Buchhandlung niedergelassen, und auf Nummer 33
kann man sich zum Abschluss mit höchst appetitlichen Spezialitäten wie bestem
Olivenöl, köstlichen Schokoladen, Konfitüren und anregenden geistigen Getränken
eindecken. Inzwischen ist man an der Piazza Paolo Diacono angelangt und hat sich
eine Stärkung verdient, etwa in der Enoteca L’Elefante, die eine beeindruckende
Auswahl regionaler Weine bereithält. Zu den Getränken werden allerorts reichlich
kleine Köstlichkeiten serviert. Hier ist jedoch ein wenig Zurückhaltung angebracht,
denn Cividale hat auch auf lukullischem Gebiet einiges zu bieten, womit man einem
perfekten Tag in einer perfekten norditalienischen Kleinstadt den letzten Schliff
verleihen kann.
EINKEHR:
Locanda Al Pomo D´Oro: Angenehmer Familienbetrieb mit wenigen, liebevoll
restaurierten Zimmern zu moderaten Preisen. Dass das Haus recht hellhörig ist,
erfährt man, wenn man es mit einer Schulklasse teilen muss. Piazzetta San
Giovanni, 0039/0432/731489, www.alpomodoro.com.
Hotel Roma: Ein wenig gesichtslos, aber freundlich und adrett. Piazza Alberto Picco,
0039/0432/731871, www.hotelroma-cividale.it.
Trattoria Alla Speranza: Das Fleisch ist zart, die Saucen haben Stil, besonders
empfehlenswert alles, was »al forno« zubereitet wurde. Die Fresken geben einige
Rätsel auf, ein unglücklicher Bacchus schielt nach dem Weinglas. Foro Giulio
Cesare, 0039/0432/731131.
Ristorante Al Monastero: Köstliche Wildspezialitäten, kreative einheimische
Variationen, sehr freundliche Bedienung. Manchmal ein wenig voll und hektisch, im
Sommer jedoch unüberbietbar mit einem schmucken, schattigen Innenhof. Via
Ristori, 0039/0432/700808.
Locanda Al Castello: Oberhalb Cividales auf einem Weinhügel gelegen, bietet dieses
nicht gerade billige Wellnessresort einen schönen Blick auf die Stadt. Die Küche ist
leider nur mittelmäßig, sehr schwer und nicht immer taufrisch. Via del Castello,
0039/0432/733242, www.alcastello.net.