Esther Kinskys "Rombo"

 

 „Rombo“ von Esther Kinsky: der Roman, der dem Erdbeben von 1976 gewidmet ist, spielt im Resia-Tal bei der slowenischen Sprachminderheit.

 

 

„Später wird jeder von dem Geräusch reden. Vom Rombo. Mit dem es anfing. Mit dem alles anders wurde, wie man so sagt, mit einem Schlag, dabei war es eher ein Stoß, wie das dumpfe, stumpfe Ende einer aus weiter Ferne herangerollten Bewegung. Jedem hat sich dieses Geräusch ins Gedächtnis eingeschrieben,unter verschiedenen Namen.”

 

Und „Rombo“ ist der Titel – auf Italienisch, aber auch im deutschen Original – des neuen Romans von Esther Kinsky, der soeben beim Verlag Iperborea in der wunderschönen Übersetzung von Silvia Albesano erschienen ist und am Dienstag, 5. April 2023 in Udine in einem überfüllten Sala Ajace präsentiert wurde.

Esther Kinsky und Silvia Albesano in Udine

 

„Rombo“ ist ein vielstimmiger Roman, der das Erdbeben von 1976 durch die Erinnerung von sieben Figuren  - drei Männern und vier Frauen -erzählt, die zum Zeitpunkt des Erdbebens noch jung waren. Sie leben in einem abgelegenen Alpental in Friaul, und dank der detaillierten Beschreibungen der Landschaft und  durch viele andere unzweifelhafte Hinweise können wir Friulaner es eindeutig mit dem Resia-Tal identifizieren.

 

Leider wurde dieser Aspekt während der Präsentation nicht behandelt, da die Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf das Thema Erinnerung, ihre Beständigkeit, ihre Diskrepanzen und ihre Abweichungen gerichtet war.

 

Umschlag der italienischen Fassung (Verlag Iperborea)


Esther Kinsky, 1957 im Rheinland geboren, ist in Deutschland sehr bekannt nicht nur für ihre Romane, die mit renommierten Preisen ausgezeichnet wurden, sondern auch für ihre Arbeit als Dichterin und Übersetzerin. Zitieren möchte ich hier die Romane „Am Fluss“ und  „Hain. Geländeroman“. In letzterem unternimmt die Autorin eine lange Pilgerreise durch Italien als Verarbeitung der Trauer um den Tod ihres Mannes und gelangt dabei auch ins Friaul, ein ihr bis dahin nur durch die Verse Pasolinis bekanntes Gebiet.

Während einiger langer Aufenthalte in unserer Region wird Esther Kinsky durch Gespräche mit Dutzenden von Menschen auf ein Phänomen aufmerksam, das sie als einzigartig definiert: die ständige Gegenwart des Erdbebens in den Erinnerungen und Geschichten der Menschen, als wäre es eine Posttraumatische Belastungsstörung, die jedoch keinem Verschulden oder Willen zuzurechnen ist.

 

Dies führt dazu, dass jeder ein „Vorher und Nachher“ erlebt, wo das Erdbeben die Zäsur ist.

 

„Die seismischen Stösse im Mai spalteten Leben und Landschaft in ein Vorher und ein Nachher. Das Vorher wurde Gegenstand von Erinnerungen, Erzählungen, dem steten Schichten und Überweheng mit Worten. Es war ein Versuch, sich zu orientieren, um die Welt wieder neu zu verstehen. Neu anzusetzen mit dem Bewohnen eines Orts. Mit der Erinnerung“.

 

 

Fasziniert ist die Autorin vor allem durch die vielen unterschiedlichen Arten des Erinnerns, denen sie versucht, eine originelle und zugleich respektvolle literarische Form zu geben. Während der Präsentation enthüllte die Autorin einige Geheimnisse der Entstehung des Buches. Es sei eine mehrstimmige Geschichte, die man mit bestimmten griechischen oder bulgarischen Chören vergleichen kann, in denen der Reiz auch durch kleine Dissonanzen gegeben wird, in diesem Fall sind es Dissonanzen der Erinnerung.

 

Kinsky erklärt, dass die sieben Erzähler*innen keine realen Charaktere sind, wie man aufgrund ihrer "Authentizität" zunächst meinen könnte, da sie nicht gerne reale Figuren in ihre Bücher überträgt. Es sind eher das Ergebnis einer Montage authentischer Geschichten, die dann in sieben fiktiven Figuren verkörpert werden. Dieser lange Ausarbeitungsprozess, mit großer Strenge und Genauigkeit durchgeführt, verursacht, dass wir am Ende „eine falsche mündliche Überlieferung haben, die wahr ist“. Am Ende der Lektüre können wir Bewohner dieser Gegend tatsächlich nur einverstanden sein, egal ob wir das Erdbeben erlebt haben oder es nur durch die Geschichten unserer Familienmitglieder kennen. Auf das Friaul angesprochen, definiert Kinsky es als „ein bitteres und melancholisches Land“, das sie gerade als solches mag, weil sie die Bitterkeit mit einer Landschaft verbindet, in der die Spuren des Überlebenskampfes sichtbar sind. Es ist auch ein Gebiet, in dem andere Kulturen wie die slawische und die deutsche nah beieinander liegen und in dem hinter dem Horizont der Berge immer die Präsenz des Meeres wahrgenommen wird. Allerdings sagt Kinsky von sich selbst, sie sei keine Frau der Berge, sondern eine Frau der Ebene. Wenn es so ist, müssen wir ihr anerkennen, dass sie wirklich eine außergewöhnliche Beobachterin ist, denn die Landschaften des Resia-Tals sind bis ins kleinste Detail mit topografischer Präzision beschrieben und tragen dazu bei, eine epische Geschichte einer nie besungenen Gegend zu erschaffen.

 

„Manchmal wache ich nachts auf und ich meine, ich hätte Staub im Mund. Dieser Geschmack von Mörtelstaub und Kalk. Jetzt werde ich ersticken, denke ich dann, jetzt bin ich unter Trümmern verschüttet und werde ersticken. In meiner Nase und im Mund ist noch diese Erinnerung, wie eingestempelt, und ich weiß nie, wann sie aufwacht."


Oseacco im Resia-Tal nach dem Erdbeben

 

Die Rolle des Resia-Tals

 

Esther Kinsky mag es nicht, sich in der Literaturgattung des naturalistischen Schreibens eingeengt zu fühlen, obwohl sie 2020 den Deutschen Preis für Nature Writing erhielt.

 

Ihr Roman „Rombo“ – während des Lockdowns geschrieben und 2022 in Deutschland veröffentlicht – passt tatsächlich in vielerlei Hinsicht in diese Gattung, vor allem wegen der detaillierten Beschreibung der Landschaften, die individuelle und kollektive Stimmungen widerspiegeln, und wegen der Aufmerksamkeit für die Dynamik des Fortbestehens und Wandel in Natur und Mensch. In diesem Buch spielen auch Geologie, Zoologie und Botanik eine wichtige Rolle, nach einem Erzählmodell, das auf berühmte Vorgänger wie den Naturwissenschaftler Alexander von Humboldt (1769-1859) zurückgeht oder Henry David Thoreau. Bei diesen Schriftstellern waren Wissenschaft, Philosophie und Literatur untrennbar miteinander verbunden. Jeweils dem Thema treu bleibend, ist der Stil mal spärlich und sachlich, mal lyrisch und eindrucksvoll, mal einfach und familiär.

 

In diesem Zusammenhang ist - meiner Meinung nach – nicht unwichtig, dass der Roman im Resia-Tal spielt und nicht in irgendeinem vom Erdbeben 1976 betroffenen friulanischen Gebiet.


Der Monte Canin im Resia-Tal

 

Das deutsche oder das amerikanische Publikum könnte diesen Hintergrund übersehen, aber das kann in Friaul nicht passieren, schon allein deshalb, weil im Roman viele genaue Ortsnamen auftauchen: die Berge Canin, Sart, Plauris, Cuzzer; die Ortschaft Resia wird auf Seite 137 ausdrücklich erwähnt; ein kleines Kapitel ist sogar der stillgelegten Schiefermine von Resiutta gewidmet.

 

Auch die anthropologischen Merkmale sind gut vertreten: man erzählt von den Traditionen des Karnevals von Resia, den bile maškire; man spricht über lokale Musik und Tanz; von Legenden wie der Riba Faronika, einer Meerjungfrau mit Fischschwanz, die für Erdbeben und Überschwemmungen verantwortlich ist.

 

Auf vielen Seiten wird der slowenische Dialekt des Tals betont, und das alles mit großer Präzision. Der Weg „Ta lipa pot“ wird ausführlich beschrieben. Ich kann nicht glauben, dies alles sei eine zufällige Wahl, weil es „malerisch“ klingt. Ich frage mich, welche besondere Beziehung Esther Kinsky zu diesen Orten aufgebaut hat, und ich bedauere, dass sie in Udine überhaupt nicht darüber gesprochen hat.