Topolò-Topolove

Aus dem Buch "Die letzten Täler" von Unikum


Schon allein dieses Dorf ist den dreitägigen Fußmarsch von Cividale aus wert. Es liegt auf rund 550 m Seehöhe an einer sonnigen Schulter nahe der Grenze und verkörpert in vielerlei Hinsicht den Idealfall eines Dorfes der Valli del Natisone. Dem Typus nach ein villaggio addensato, d. h. verdichteter Ort, hat es den Umriss eines gleichschenkeligen Dreiecks, an dessen Scheitelpunkt die Kirche thront. Es umfasst rund 100 Gebäude, die wegen des starken Gefälles fast übereinander zu stehen scheinen. Nur an einer Stelle schiebt sich eine unverbaute »Bucht«, briaska genannt, zwischen die Häuser und teilt das Dorf in einen oberen und unteren Teil. Ein vertikal verlaufender Treppenweg bildet die Hauptverkehrsachse, noch schmäler sind die labyrinthisch verlaufenden Seitengassen. Autos und Zweiräder haben hier nichts verloren.


Die Siedlungsstruktur ist das Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung, die im Mittelalter ihren Anfang nahm und Mitte des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen abgeschlossen war. War das Dorf um 1600 ein loser Verband von einigen wenigen Bauernhäusern, die von landwirtschaftlichen Flächen umgeben waren, entstanden infolge der Erbteilungen immer neue Zubauten und Exposituren, die schließlich zu fast urbaner Dichte zusammenwuchsen.
Wie das Dorf, veränderten auch die Gebäude ihre Gestalt; kaum ein Haus, das nicht mehrere Metamorphosen erlebte. Die »Urzelle« bestand zumeist aus einem einzigen engen, von vier Mauern begrenzten Allzweckraum. Hier wurde gearbeitet, gekocht, gegessen und geschlafen, manchmal am bloßen Boden und nur gewärmt vom Vieh. Mit der ersten Aufstockung erfolgte die räumliche Trennung von Stall (im Erdgeschoß) und (darüberliegendem) Wohnraum. Gleichzeitig hielt die offene Feuerstelle, ognijšče genannt, Einzug, deren Rauch sich durch die Ritzen in der Decke verflüchtigte. Erst im späten Mittelalter erfuhr der Wohnbereich eine wesentliche Erweiterung: Neben der Schwarzküche, črna kuhinja, entstand das Esszimmer, izba, das erstmals ein (von der Küche aus) temperiertes und dennoch »rauchfreies« Wohnen erlaubte.



Der nächste Entwicklungsschub vollzog sich mit der Errichtung gemauerter Herde sowie dem An- oder Einbau des Kamins, der das Dachgeschoß vom Rauch befreite. Auf diese Weise konnte nun eine dritte Etage aufgesetzt und als Schlafbereich genützt werden. Flache Ziegeldächer lösten nun die alten, viel stärker geneigten Strohdächer ab. Erreicht werden die Wohnebenen über Außentreppen und hölzerne Laubengänge, die manchmal kunstvoll verziert sind und zugleich die Fassade gliedern. Sie gehen auf das 17. Jahrhundert zurück und stellen wohl das markanteste Stilelement der regionalen Baukultur dar. Eindeutig slowenischer Herkunft sind die kozolci, offene Heuspeicher, die man am Ortsrand findet und zumeist dem Verfall preisgegeben sind.

Während der historische Ortskern von Topolò weitgehend erhalten blieb, ist die alte Kulturlandschaft in der Umgebung des Dorfes fast völlig verschwunden. Von ein paar Gemüsegärten abgesehen, wird kaum noch Landwirtschaft betrieben. So rückt der Wald, wie bei den meisten Dörfern der Region, bis an den Ortsrand heran und überwuchert Macchia die ehemaligen Wiesen und Felder. »La lotta contro il bosco – boj proti gozdu«, der tägliche Kampf gegen den Wald scheint endgültig verloren. Historische Aufnahmen zeigen, dass Topolò bis Anfang des 19. Jahrhunderts von zahlreichen Weiden, Äckern, Obstgärten und Weinkulturen umgeben war. Die von kunstvoll geschlichteten Trockenmauern gestützten Terrassen reichten weit ins Tal hinab und gliederten auch die steilen Hänge südwestlich des Dorfes. Angebaut wurden hauptsächlich Mais, Buchweizen, Gerste und Bohnen sowie Äpfel, Birnen und Pfirsiche. Kühe und Schafe lieferten Milch, Fleisch und Wolle. Dienten diese Produkte hauptsächlich der Selbstversorgung, wurden Edelkastanien und Holz ins Tal geliefert.



Im Vergleich des französischen Katasters (1811) mit dem österreichischen (1835) und italienischen (1936) Kataster lassen sich bemerkenswerte Änderungen des Grundbesitzes ablesen. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts befanden sich die Weiden und Wälder im demokratisch verwalteten Gemeinschaftsbesitz (kamunja), um dann »privatisiert« und damit parzelliert zu werden. In der Folge verlegte man sich immer mehr darauf, die Tiere in Ställen zu halten, was eine beträchtliche Mehrarbeit verursachte. Auch die Äcker und Gärten erfuhren durch wiederholte Erbteilung eine zunehmende Fragmentierung, wodurch oft eine einzige Terrasse in winzige Grundstücke zerfiel.

Da die Bauern unter solchen Voraussetzungen (sowie den ungünstigen klimatischen Bedingungen) kein Auskommen hatten, waren die meisten Familien seit jeher auf ein Nebeneinkommen angewiesen. Also verließen viele Männer in den Wintermonaten das Dorf, um als guzieruci, fahrende Händler und Hausierer, ihr Brot zu verdienen. Sie zogen mit schweren Holzkisten, krošnje, auf dem Rücken von Haus zu Haus und boten gestickte Tücher, Strickwaren oder Devotionalien feil. Ausgestattet mit Reisedokumenten, die für ganz Europa gültig waren, verschlug es sie dabei bis Böhmen, Ungarn und sogar nach Russland. Die größten und schönsten Häuser Topolòs entstanden in der Zeit zwischen 1700 und 1850, als es einige guzieruci zu relativem Wohlstand brachten.



Ende des 19. Jahrhunderts, als Topolò mit über 500 Bewohnern die höchste Einwohnerzahl erreicht hatte und damit eines der größten Dörfer der Valli del Natisone war, wendete sich das Blatt: Der Straßenhandel fand aufgrund politischer Veränderungen ein Ende; viele Familien verarmten und hatten kaum genug zu essen. Mit dem Hunger setzte – wie in der gesamten Region – eine Auswanderungswelle ein, in deren Folge das Dorf zu verwaisen drohte. Vor dem Ersten Weltkrieg suchten die Menschen hauptsächlich in Amerika, konkret in den USA, in Brasilien und Argentinien, ihr Glück. In der Zwischenkriegszeit emigrierten viele Männer nach Frankreich und Belgien, um im Bergbau zu arbeiten, während sich die jungen Frauen in Mailand, Rom oder Neapel als Dienstmädchen verdingten. Später waren Deutschland und die Schweiz das Ziel der Arbeitssuchenden. Die Bevölkerung schrumpfte auf rund 40 Personen.


Obwohl topolou erst 1321 in die Geschichtsschreibung Eingang fand, gehen seine Ursprünge vermutlich auf die slawische Kolonisierung zwischen 700 und 1000 n. Chr. zurück. Fest steht, dass der Ortsname in der slowenischen Bezeichnung für Pappel, topol bzw. mundartlich tapù, wurzelt. Auch die Namen der vier »Urfamilien«, Gariup, Filipig (bzw. Filipič), Schuoch (Skok) und Rukli, sind slowenischen Ursprungs (letzterer allerdings mit rätselhafter »deutscher« Endung). Bis ins 18. Jahrhundert wurden Ehen hauptsächlichen zwischen Angehörigen dieser Familien geschlossen, und bis heute sind dies die häufigsten Namen im Ort. Die ethnische Herkunft der topolesi dokumentiert auch ein Bericht aus dem Jahr 1912 anlässlich eines Besuches des Präfekten von Udine: »Die Gemeinde von Grimacco [der Topolò angehört, Anm.] befindet sich in einem Berggebiet. Sie hat (...) cirka 1.700 Einwohner, die alle Slowenen sind und auch slowenisch sprechen. Ihre Sitten und Gebräuche sind jenen der angrenzenden Gebiete von Österreich-Ungarn ähnlich.«
Dass sich diese Kultur über die Jahrhunderte erhalten konnte, ist unter anderem den Venezianern zu verdanken, die den slavi weitgehende Autonomie gewährten, wofür sich diese mit der Sicherung der Ostgrenze gegen die Österreicher erkenntlich zeigten. Sie werden seither als beneški Slovenci bezeichnet. Wenig Freiheiten genoss die Bevölkerung unter der Herrschaft der Österreicher zwischen 1797 und 1807. Nach dem Anschluss Venetiens an das Königreich Italien im Jahr 1866 waren es vor allem die örtlichen Priester, die sich dem zunehmenden Assimilationsdruck der Italiener entgegen stellten. So ist in der Pfarrchronik etwa der Versuch der Gründung einer slowenischen Genossenschaftsbank durch den Kaplan von Topolò im Jahr 1910 dokumentiert. Widerständig zeigten sich auch der Bürgermeister und die Mehrzahl der Gemeinderäte von Grimacco einschließlich der Vertreter von Topolò, als sie 1924 aus Protest gegen die aufgezwungene Ehrenbürgerschaft Benito Mussolinis ihr Amt zurücklegten. Der öffentliche Gebrauch der slowenischen Sprache war zu dieser Zeit untersagt.



An ein tragisches Ereignis im Jahr 1944 erinnert ein Grabstein am Friedhof von Topolò. Am 19. November fiel ein deutsches Kommando in die Ortschaft ein und tötete sieben jugoslawische Partisanen, die sich nach einem Überfall auf Wehrmachtssoldaten hierher geflüchtet hatten. Sechs der Opfer sind namentlich bekannt: Rado Jerina, Milan Kocman, Palmiro Lesica, Ivan Mušina und Leopold Miklič. Fünf weitere Freiheitskämpfer wurden bei dem Schusswechsel verletzt, konnten aber fliehen.
Dass der militärische Widerstand gegen die Nazis in Topolò und Umgebung breite Unterstützung fand, geht aus den Erinnerungen des slowenischen Partisanen Lev Svetek hervor, die 1987 unter dem Titel »Pri svojih na svojem« (»Bei den Eigenen auf eigenem Boden«) veröffentlicht wurden. Er schildert darin (frei übersetzt) folgende Begegnung:
»Im Juli 1944 kamen wir zu einer abgelegenen Mühle in der Nähe des Dorfes Topolò. Wir dachten, sie sei unbewohnt, aber als wir näher kamen, wurden wir von Kindern umringt. Dann erschien der Vater, ein Müller mit Schnurrbart und knochigem, erschöpftem Gesicht. (...) Unter den Kindern, die wohl noch nie einen Partisanen gesehen hatten, zieht ein kleines, kaum sechsjähriges Mädchen mit großen intelligenten Augen meine Aufmerksamkeit auf sich. Es grüßt auf Slowenisch und antwortet präzise auf meine Fragen. (...) ›Das ist noch gar nichts‹, ruft der Vater voller Stolz, ›unsere Maria geht noch nicht zur Schule, aber sie kann besser lesen als ältere Kinder. Überzeugen Sie sich!‹ Ungläubig nehme ich aus meiner Tasche einen Band von Gregorœiœ und schlage das Gedicht ›Der glückliche Hirte‹ auf. Das Mädchen blickt auf den Titel und liest es fast fließend vor. Ich fühle mich bestätigt: Hier wohnt eine geistreiche slowenische Bevölkerung, die vernachlässigt und ihrer ethnischen Rechte beraubt wurde. Wir verabschieden uns von dem slowenischen Müller, und er verspricht, am nächsten Tag zur Versammlung der Partisanen in Clodig, von der alle Dorfbewohner wissen, zu kommen. Die kleine Maria läuft mir nach, zupft mich am Ärmel und fragt: ›Genosse, verkaufst du mir das Buch mit den schönen Gedichten?‹ Ich schaue in die großen bittenden Augen des Kindes, und auch meine werden nass. Dann schenke ich ihr den Band. ›Nimm diese Gedichte, die unsere Heimat und eine bessere Zukunft der Slowenen besingen. Lass sie auch deine Geschwister und andere Kinder lesen, mit denen Du vielleicht schon bald in eine slowenische Schule gehen wirst.‹«



Die Hoffnung auf die Vereinigung des Gebietes mit Jugoslawien nach dem Krieg sollte sich nicht erfüllen. Titos Ansprüche auf Italiens Gebiete mit slowenischem Bevölkerungsanteil (mit dem Tagliamento als Westgrenze) fanden bei den Alliierten keine Unterstützung. Eine scharf bewachte Grenze lief in nur zwei Kilometer Entfernung an Topolò vorbei. Und wieder machte sich, wer sich der slowenischen Sprache bediente, verdächtig. Die Pfarrchronik berichtet von ständigen Spannungen zwischen italienischen Grenzwachen und der Dorfbevölkerung, die im Jahr 1964 in der Verhaftung mehrerer Jugendlicher gipfelten. Ihr »Vergehen«: das unbotmäßige Singen slowenischer Lieder ...

Heute ist die Zweisprachigkeit in Topolò längst wieder zur Selbstverständlichkeit geworden. Dazu hat nicht zuletzt die Kulturinitiative »Stazione di Topolò/Postaja Topolove«
beigetragen, die 1994 von Donatella Ruttar und Moreno Miorelli gegründet wurde und sich binnen weniger Jahre vom regionalen Kulturveranstalter zum internationalen Festival zeitgenössischer Kunst entwickelt hat. Es findet alljährlich im Juli statt und lockt mittlerweile tausende Besucher an diesen entlegenen Ort. Beteiligt sind bildende Künstler, Filmemacher, Musiker und Literaten aus ganz Europa, von denen einige bereits Stammgäste sind und oft für mehrere Wochen bleiben. Geboten werden Installationen im öffentlichen Raum, Performances, Filmvorführungen und Lesungen, wobei das Augenmerk auf künstlerischen Beiträgen liegt, die vor Ort entstanden sind und sich mit dem unmittelbaren kulturellen und sozialen Umfeld auseinandersetzen. So legen die Veranstalter besonderen Wert auf die Einbeziehung der örtlichen Bevölkerung und die Respektierung ihrer Bedürfnisse, ohne dabei aber künstlerische Kompromisse einzugehen oder provinziell zu sein. Vielmehr scheint die »Behutsamkeit«, mit der die künstlerischen Interventionen vorgenommen werden, zum Qualitätsmerkmal der »Stazione di Topolò/Postaja Topolove« geworden zu sein. Der besondere Geist des Festivals lässt sich auch außerhalb der Spielzeit erspüren, trifft man doch allenthalben auf Spurenelemente der Kunst. Dazu gehören manch rätselhafte Schriftzeichen und ein auffällig gefärbelter Brunnen ebenso wie diverse Landart-Arbeiten entlang revitalisierter Kulturwege. Ausführlich dokumentiert sind die Aktivitäten in den wunderbar gestalteten Publikationen der »Stazione«. Nähere Informationen liefert auch das Internet unter www.stazioneditopolo.it.



Beobachteten die Dorfbewohner das Festival anfänglich skeptisch, ist die Akzeptanz mittlerweile groß. Denn es ist augenscheinlich, dass Topolò von der »Stazione« profitiert. Einerseits bringt die Vermietung von Zimmern bescheidene Einnahmen, andererseits hat das öffentliche Interesse zu einer Aufwertung des Standortes und entsprechenden Investitionen geführt, die sich in einer Reihe von revitalisierten Häusern sowie den aufwändig sanierten Wegen manifestieren. So präsentiert sich Topolò, das noch vor zwei Jahrzehnten vom völligen Aussterben bedroht war, heute als vergleichsweise lebendiges Dorf, das sogar einen Zuwachs an Einwohnern verzeichnet. Mit dem »Aufschwung« hat der Ort zwar etwas an morbidem Charme eingebüßt, doch gehört er immer noch zu den malerischsten Dörfern der Region. Beim Rundgang trifft man an jeder Ecke auf ein architektonisches Kleinod, das den Respekt der Bewohner vor der Baukultur ihrer Vorfahren verrät. Selten findet man so viele geschmackvoll renovierte Häuser wie hier.